Erste Langdistanz beim Ironman Hamburg 2023

Hilmar berichtet von seiner ersten Langdistanz. Von 1 km Schnappatmung zu 226 km Langdistanz

Disclaimer: Wer nicht gerne viel persönliche Eindrücke (viel Blasendruck) vermischt mit manchmal globalgalaktischen Denkwendungen liest, hier die komprimierte Kurzfassung: ich habe meine erste Triathlon Langdistanz am 4. Juni beim Ironman Hamburg mit einer für mich unglaublich super Finishzeit von 11 Stunden und 22 Minuten absolviert. Neben ein paar kleineren Tiefs und Widrigkeiten lief es erstaunlich gut, was das ganze einerseits etwas surreal auf der anderen Seite aber auch mega schön gemacht hat.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei allen Beteiligten, die mir zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Form zugesprochen, mich unterstützt und Tipps gegeben sowie am Ende mit mir mitgefiebert haben. Vor allem meiner Frau Uli, ohne Dich wäre das Ganze nicht möglich gewesen. Herzlichen Dank. Und Mika und Neo die in Hamburg dabei waren. Ach ja, wenn von Neo die Rede ist, dann ist das entweder der Neoprenanzug, oder es geht um unseren geliebten Hund Neo.
Auf den Abdruck weiterer Namen habe ich bewusst verzichtet auch aus Angst jemanden vergessen zu können. Ich glaube ihr werdet euch trotzdem wiederfinden und ich kann ehrlich sagen, dass mir jeder Austausch mit Euch soviel weitergeholfen hat 😊

So ab jetzt gibt es die Langfassung 😉

 

Ab wann bereitet man sich eigentlich auf seine erste Langdistanz vor?

Diese Frage hat mich beim Schreiben beschäftigt.

Ist es der Moment in dem man sich bei einer Langdistanz anmeldet oder an dem man sich dafür entscheidet eine zu absolvieren?

Oder schon die anderen größeren Ausdauerwettkämpfe wie Mitteldistanz oder Marathon?

Ist es der Moment ab dem man von einem Triathlon fasziniert ist?

Oder schon der Moment wenn man mit dem Laufen oder anderer Ausdauersportart beginnt?

Die Antwort für mich ist irgendwie auf alles Ja.

Mit 40 (2013) bin ich das erste Mal Laufen gewesen und schockiert nach spätestens einem km mit Schnappatmung wieder heim gegangen. Wenn ich danach nicht weitergemacht hätte, würde dieser Bericht nicht existieren.

Über die ersten 10 km Joggen im Wald hinzu einem ersten Halbmarathon 2014 oder 2015 und Marathon 2016 in Frankfurt

2016 glaube ich habe ich das erste Mal bewusst die Ironman WM in Hawaii angeschaut und war zum einem fasziniert, zum anderen erschien mir die Distanz/Leistung als absolut unvorstellbar für mich. Ab hier muss aber etwas in Richtung Triathlon unterbewusst passiert sein, denn ich schaue mir die WM seitdem jedes Jahr komplett an.

2017/2018 habe ich einmal die Woche über die Winterzeit angefangen einen Spinning Kurs vom Arbeitgeber angeboten zu machen, was ich bis heute auch noch mache. Als es dann in die Sommerpause ging habe ich mir über Jobrad mein erstes Rennrad geholt, ich glaube mir dem ersten Hintergedanken so einen Schnupper-Triathlon anzugehen, was ich 2019 dann auch gemacht habe. Von dort an war ich angefixt und als Ziel 2020 mich für den 70.3 Kraichgau angemeldet, den ich dann 2022 Corona bedingt nachgeholt habe. Mehr dazu auch noch hier mit Folgedetails:

https://tvforst-triathlon.de/luisa-und-hilmar-laufen-in-karlsruhe-beim-atruvia-marathon-2022/

Die ganze Zeit war das Thema Langdistanz immer lapidar für mich beantwortet: unmöglich, mache ich nie.

Ende 2021 als ich nach 3 Jahren über Jobrad ein neues Fahrrad mir zulegen konnte, war dann der eigentliche Kipppunkt im Bewusstsein. Soll ich mir für die Mittdistanz ein Zeitfahrrad (TT) holen? Nur dafür wäre das ja irgendwie zu schade, oder? Das würde sich ja nur lohnen wenn man eine Langdistanz machen will, oder? Genau. Etwas was wahrscheinlich unterbewusst geköchelt hat, war plötzlich klar. Ich will dass versuchen, scheitern kann man immer noch, aber wenn man es nicht versucht hat, hat man schon verloren 😉

Die Vorbereitung

Warum Hamburg als Veranstaltung? Ich habe mir alle in Frage kommenden Langdistanzen vorher angeschaut. Als große Veranstaltungen kamen Hamburg, Frankfurt und Roth in Betracht. Für meine erste Langdistanz wollte ich zum einen flach Rad fahren (Hamburg Check) und relativ sicher mit Neo schwimmen (Hamburg Check). Frankfurt und Roth sind damit ja nicht aus der Welt. Zudem habe ich familiäre Wurzeln in Hamburg. Meine Eltern sind dort aufgewachsen und als Kind sind wir oft dort gewesen.

Nach dem Karlsruhe Marathon (Link weiter oben) habe ich 2 Wochen pausiert und bin dann mit dem power&pace finisher Plan gestartet. Die 2 Jahre vorher hatte ich den Allrounder Plan gemacht (mit 8 Stunden als maximal Wochenziel). Beim Finisher sind es denke ich in maximal Belastungswochen (die es im Januar und April/Mai gab) etwa 14-16 Stunden. Meinen maximal Stunden-peak hatte ich dann in der Mallorca-Woche.

Anfangs war der Plan schon ein Stück Arbeit, die Einheiten waren zwar nicht lang und intensiv, aber ich musste die Woche erstmal organisiert neben der Arbeit und Alltagsdingen bekommen. Außerdem hatte ich bis März immer alle 14 Tage noch eine Hobby-Fussballeinheit, die ich mit einer kleinen Laufeinheit substituiert habe, sowie Donnerstags Spinning. Das Vereinsschwimmen hat Montag, Donnerstag und Samstags feste Termine, von denen ich anfangs jeweils 2 genutzt habe. Zudem habe ich noch Mittwochs vom Verein Bahntrainingstermin, den ich alle 14 Tage genutzt habe, zumeist in der Woche in der ich nicht Dienstags Fußball gespielt habe. Ab März habe ich mit Fußball pausiert um da kein Verletzungs-Risiko einzugehen.

Im Dezember war dann glaube ich alles eingespielt und ist gelaufen. Von Anfang an habe ich an vermehrt Schlaf gearbeitet, früh ins Bett. Alkohol habe ich so gut wie keinen getrunken, wer eine HF Messung nachts hat, weiß was der Körper da leisten muss. Bei meiner veganen Ernährung aus ethischen Gründen gibt es beim Makronährstoff Protein eigentlich kein Problem im Normalfall, aber beim Langdistanztraining ist man vielleicht mit 1g/kg Körpergewicht nicht ausreichend versorgt, und es gibt Tage gerade mit Mittagessen in der Kantine wo der Bedarf von 1,5-2g/kg definitiv nicht drin ist. Deshalb habe ich täglich Eiweiß zusätzlich prophylaktisch genommen. Das Öffnen und Umfüllen der Beutel ist Teufelswerk wegen dem Staub, deshalb habe ich das nach draußen verlagert. B12 und Vitamin D nehme ich sowieso vorsorglich. Die letzten Wochen habe ich auch noch Bromelain und Grünteeextrakt ergänzt. Beides letzteres vielleicht eher etwas Hokuspokus und nicht wirklich notwendig.

Und gut und viel gegessen habe ich immer, meist 2x warm und 4x am Tag. Mein Gewicht im Herbst nach Marathon war 78kg. Im Januar erst 77 und am Ende 74 und teilweise dann auch 73.

Zurück zum Dezember, da waren dann Lauftests (ok), FTP Test (ok), CCS Test (ok) – alles ok aber nicht berauschend würde ich sagen.

Sonntags bin ich regelmäßig gelaufen, anfangs deutlich länger als im Plan angegeben (immer so 15-18km). Die Pace (5:40) war anfangs auch kein DL ext sondern deutlich drüber. Aber in der Gruppe laufen ist auch ein Faktor, warum soll ich deutlich langsamer laufen und weniger Spaß/Unterhaltung haben? Mit der Zeit konnte ich bei diesem Lauf auch sehen, dass ich mich bei gleicher Strecke und Pace verbessere und am Ende das schon als GA 1-1.5 anzusehen war. Im Januar ist das so richtig bewusst geworden. Es gibt ein echtes Pensum Peak im Plan wo auch schon 14-16 Stunden abgefackelt wurden. Mein Körpergefühl war auf einmal spitze, ich hatte echt Lust und es lief.

Im Februar anfangs auch noch, aber dann kam etwas Unruhe mit erneuten Tests hinzu im Plan. Lauftest hat nach oben gezeigt, beim Zwift FTP Test ist mein Rechner nach 40min und Vorbelastung abgestürzt und ich glaube es gibt kein Vorspulen bei den Einheiten, also einen Rampen-Test gefahren anstatt 20min, der weniger aussagekräftig ist. Werte auch deutlich über Dezember, am Ende aber zu hoch, da ich die Einheiten später mit diesen Bereichen nicht fahren konnte ohne vom Rad zu fallen, deshalb wieder deutlich nach unten korrigiert.

Ende Februar einen Test 10km Wettkampf gemacht. Bin ihn auf Bestzeit (45min) angelaufen und nach der Hälfte gescheitert, musste dann rausnehmen und hab ihn mit 46:20 gefinished. Ganz leicht enttäuscht zumindest über den Rennverlauf, aber eigentlich ok, denn ich bereite mich ja auf einen Langdistanz vor. Montag nach dem Rennen erstmal Erkältungsinfekt mit ein paar Tagen Fieber. Keine Panik aufkommen lassen. Nach ein paar Tagen wieder vorsichtig angefangen, alles in allem kein großes Loch gerissen.

Dann das Highlight Trainingsurlaub 1 Woche Mallorca. Als Nicht-Bergfahrer konnte ich am ersten Tag schon sagen, dass es Spaß machen kann in kurz/kurz (bei uns war vorher unterirdisches Wetter, fast nur indoor oder eingepackt gefahren) bei traumhafter Kulisse in seinem Wohlfühltempo einen Berg hochzutreten. Die Eindrücke/Strecken Tramuntana und so weiter verdienen eigentlich eine eigene ausschweifende Berichterstattung. Nach 3 Tagen Rad habe ich eine Erholungstag mit Schwimmen und Massage gemacht. Dann nochmal 2 Tage Rad sowie einen Tag mit Schwimmen und einem long run am Strand mit 17km. Die längsten Touren waren 130 mit 1000hm und 138km mit 2000hm glaube ich. Am Ende haben mir zwar die Sitzhöcker weh getan, aber die mentale Erkenntnis war: ich kann wenn ich will schon auf dem Rad sitzen. Eine Tour über 140 oder gar 180km habe ich aber nie eingeschoben.

Im April/Mai war dann fast nur TT fahren angesagt. Ich liebe es flach bei guter Straße zu treten. An lange Aeropositionsfahrten habe ich mich Schritt für Schritt gewöhnt. Indoor hatte ich im Winter auch alle Belastungsintervalle in Aero gemacht.

Mentales Brett war 3 Wochen vor Wettkampf eine 4h Radeinheit im teilweise strömenden Regen, wäre indoor vielleicht besser gewesen, aber da ich schon auf draußen umgesattelt hatte, durchgezogen. Im Wettkampf hätte es ja auch passieren können.

Seit Oktober habe ich auch einmal regelmäßig die Woche eine Stabieinheit power&pace Ulrike Syring per Youtube gemacht (40min). Ich bin überzeugt, dass dies auch ein großes Puzzleteil am Finish war und ist. Man merkt einfach dass etwas mit dem Körper passiert wenn man es durchzieht. 20 min Einheit pro Woche für Mobility war Montags auch noch meistens zumindest.

Ab April habe ich mich auch entschlossen 1x Woche zum Physio zu gehen. Das war sowohl physisch super als auch psychisch, da ich kleine Wehwehchen gut versorgt gewusst habe, die Regeneration beflügelt wurde und auch guter Input zum ganzen Drumherum geströmt ist.

3 Wochen vor Wettkampf habe ich noch als Vorbereitung vor allem für den Kopf und Ablauf unseren Vereins-Heideseetriathlon vom TV Forst Triathlon gemacht. Dieser hat viele gute Erkenntnisse gebracht, z.b. Neo richtig über die Uhr und bequem im Schulterbereich ziehen. Und er hat ein gutes Gefühl hinterlassen, da es sich super angefühlt hat und ich 12 Minuten gegenüber letztem Jahr schneller war. Also Trend ist wirklich positiv.

Je näher der Wettkampf gerückt ist, desto grösser war die Nervosität bzgl. Fahrradtechnik. So einiges an klappern etc. habe ich angefangen zu suchen und teilweise zu finden. Angefangen hat es mit einem Knacksen im Cockpit. Zuerst dache ich es ist der Spacerturm, angezogen, immer noch nicht weg, mit Carbonpaste präpariert, angezogen, immer noch nicht weg. Bis ich trivialerweise auf die Cockpitschrauben gestoßen bin, die nicht ganz fest waren – behoben. Oder Sand im Schaltröllchen, oder das noch zu erwähnende Schleifen der Vorderbremse im Wiegetritt. Neue Kette noch drauf und eingefahren, Batterien in der Blipbox der Schaltung getauscht. Co2-Patrone beim Aufpumpen ausprobiert. Alles versucht mich drauf einzustellen wenn was passiert. 2 Schläuche mitgenommen usw. Nach der Regenausfahrt hat irgendwas im Antrieb gerattert, konnte die Kettenblattschrauben ausmachen als Quelle und diese angezogen, habe auch noch gleich Ersatzschrauben rechtzeitig bestellt falls mir ein Kopf abreißt, ist mir beim Rennrad schonmal passiert.

Der Einfachheit halber die Statistikdaten für dieses Jahr mit Wettkampf:

Schwimmen: 42 Einheiten, 129km, 49h

Rad: 73 Einheiten, 3800km, 27,5hkm, 142h

Laufen: 59 Einheiten, 650km, 62h

Anderes: 30 Einheiten, 17h

Race Week – Die Anreise

Ab Montag hatte ich Urlaub, Donnerstag sollte es Richtung Hamburg losgehen. Nicht mehr viel Training, also umso mehr Zeit nervös zu werden, vor allem beim Rad rumschrauben. Das Schleifen der Scheibenbremse hat mich nochmal Zeit gekostet, habe es aber auch mit der SRAM Dokumentation nicht hinbekommen. Beim Geradeauslauf kein Schleifen, nur beim Wiegetritt. Dann bleibt das jetzt so. An der Bremse noch rumgefummelt, wollte die hinten härter einstellen, aber auch das ist nicht so gelungen wie ich mir das vorgestellt habe. Dann noch festgestellt, dass ich ein Schaltröllchen falsch rum eingebaut hatte beim Kettenwechsel. Das auch noch geändert.

Da wir einen Unfall hatten und seit Februar einen Mietwagen fahren, habe ich für die Woche einen Mehrsitzer Ford Tourneo geholt, da konnten wir dann alles bequem einladen ohne was am Rad zu demontieren.

In Hamburg angekommen ein kleiner Schock, gefühlt viel kälter wie gedacht, die kurzen Hose dachte ich brauche ich hier nicht. Mich am Wettkampf schon mit Weste, Armlingen fahren sehen.

Am Freitag sightseeing mit Familie, was mir da aber auf den Magen geschlagen ist: ich habe einen verflixten Inbusschluessel beim rumschrauben daheim liegen lassen und ich wollte nochmal sichergehen, dass ich die Bremshebel wieder festgemacht habe. Also Ausflug in einen Radladen: den Inbus den ich so brauche gibt es im Radladen nicht, und die Multitools passen an dieser Stelle nicht. Oh man, damit ist der Plan geborgen am Samstag morgen noch in einen Baumarkt zu fahren.

Aber Freitag Abend stand noch ein Abendessen-Treffen mit meiner Cousine an, welches einfach schön war, da wir uns ewig nicht mehr gesehen hatten.

Samstag also in den Baumarkt um 8h zur Öffnung, da mit Neo Gassi gehen, Rad fahren, laufen, BikeCheckin noch ein paar Programmpunkte stehen. 2 Sätze Schlüssel gekauft, einen mit langen Stiften, da ich dachte dass es damit beim Bremshebel besser geht, was dann nicht der Fall war, da der Drehmoment gefehlt hat und einem klassischen mit kurzen Stiften. Damit dann wieder angezogen und beruhigt sein.

Dann eine 45 Minute Runde auf dem Rad gedreht im Einteiler, das Wetter war besser geworden, kein kalter Wind und Sonne. Die Innenstadt eignet sich nicht wirklich zum Einfahren, aber rausfahren mit dem Auto wollte ich auch nicht, da ich gleich danach mit Uli noch laufen wollte. Also an der Außenalster links entlang, da gab es ein paar Abschnitte die gut zu fahren waren verkehrsberuhigt. Auf komoot hatte ich mir einen Rundkurs gemacht, allerdings hat sich der Weg durch den Park nördlich der Alster als Schotterweg rausgestellt, hätte weiter umfahren müssen, mich aber entschieden einfach hin und her auf der guten Straße neben der Alster zu fahren. Da konnte man auch mal etwas den Puls und Wattwerte hochdrehen. Zurück im Hotel gleich mit Uli eine Runde um die Alster gemacht mit ein paar Steigerungen. Nach 30 Minuten abgestoppt, wollte nicht zu viel machen, und den Rest zurück spaziert. Der Pegel der Laune war jetzt wieder im grünen Bereich, die Tage vorher waren gar nicht so einfach rückblickend.

Dann Bike Checkin gemacht, gleich neben dem Eingang war der Bikeservice, ich überlege kurz, fragen kostet nichts, also wegen meinen Bremsscheiben gefragt, 2 Techniker haben 20 Minuten rumgeschraubt, immer wieder gelöst und versucht nachzujustieren, am Ende war es so, dass beim Testfahren im Wiegetritt nichts zu hören gewesen ist. So ein kleiner Stein ist mir da noch vom Herzen gefallen. Das Gefühl, ich habe jetzt wirklich alles mögliche in meiner bescheidenen Macht getan, damit der Tag morgen so gut wie möglich lauft. Ich glaube erst ab da war ich wieder als Mensch komplett annehmbar, und es hat sich alles ab sofort entspannt angefühlt. Kein Grund mehr sich aufzuregen. Entweder geht jetzt alles seinen Gang oder es passiert etwas was man nicht voll in der Hand hat, damit müsste ich dann auch leben.

Race Day

Der Wecker klingelt um 4h im Hotel, Uli begleitet mich, Neo ist bei Mika im Zimmer untergebracht, sie können noch stressfrei schlafen. Ob das gut ist weiß ich nicht, aber es gibt keine echte offene Nervosität. Wenn dann beantworte ich sie gleich damit, dass ich jetzt solange kontinuierlich trainiert habe, und ich jetzt einfach schaue ob es dazu reicht das Ding durchzuziehen. Ich muss alles ohne Stress angehen, locker schwimmen, Rad meine Wattziele treten und dann schauen ob ich locker laufen kann, das wird der Tag jetzt zeigen. 4:45h dann zur U-Bahn, zielsicher stelle ich mich ans Gleis, das muss man jetzt alles routiniert durchziehen.

Hah, dann weist mich Uli drauf hin ob wir nicht auf der falschen Seite stehen. Was? Ja klar, falsch, also 2 Schritte auf die andere Seite. Kurzer Schockmoment, damit hätte ich mal eben schnell alles weggeworfen, falsche Richtung, Zeitverlust, Hetze zum Start etc. Puh, ist nochmal gut gegangen. 😊

Kurz nach 5 Uhr am Jungfernstieg angekommen, Richtung Wechselzone. Diese macht gerade erst etwas verspätet auf. Ich gehe ans Rad, befülle das Trinksystem (Notiz für nächsten Wettkampf, auch gleich noch ansaugen, später dazu mehr), stecke Flaschen und Radcomputer an. Ok, da scheint alles ok, also wieder raus Richtung Schwimmstart. Ach ja Pinkelmöglichkeit gleich nutzen (zum 1.).

Mit Uli zu den Slots, die vorher leider nicht bekannt waren. Meine Vorstellung war ich stelle mich in den Slot 1:00 – 1:10, das wäre ambitioniert aber unter 1:10 erschien mir möglich und auch realistisch. Tja dumm nur dass es diesen Slot nicht gibt. Der erste ist < 1:05, der nächste 1:05 – 1:15. Da gehöre ich von der Zeit rein, aber im Kraichgau hätte ich besser einen Block höher geschwommen da ich immer wieder in Trauben von Schwimmern aufgeschwommen bin. Also mal überlegt, der 1.Block wäre Zeittechnisch und vom Schwimmschatten die bessere Wahl. Kann ich gut im Schwimmschatten schwimmen? Nein, ich bin dann sehr gestresst, evtl. komme ich auch nicht in meinen Rhythmus, also entscheide ich mich für den 2.Block, da ich das Schwimmen ganz bewusst entspannt angehen will. Der Wettkampf ist nicht nach 3,8km Schwimmen vorbei, im Nachhinein war das denke ich auch wirklich die richtige Entscheidung für mich.

Ich gehe nochmal pinkeln (zum 2.) und merke dass dies wohl nicht das letzte Mal war ;(

Der Start ertönt und ich weiß es tut keine Aufregung Not, bis ich reinkomme vergeht bestimmt noch eine halbe Stunde. Aber die Aufregung spielt sich glaube ich spätestens ab hier rein in der Blase statt. Ich muss schon wieder Pipi. Bin ich zu alt oder noch zu klein für sowas? Naja ist jetzt so, nach dem Schwimmen gibt es ja eine Möglichkeit denke ich, und wahrscheinlich habe ich es dann wieder vergessen.

Es läuft einer meiner Lieblingspopsongs (wobei meine Genre-Spektrum in der Musik wie viele vielleicht wissen doch recht breit gefächert ist) während ich ins Wasser gehe. Perfekt: Freedom and love, what he’s looking for, Freed from Desire – Mind and senses purified.

Ich schwimme entspannt, die Sonne kündigt ein perfektes Wetter an, unter Wasser ist alles trübbraun und man sieht die Hand nicht mehr. Einen kurzen Moment denke ich, hier würde man normal nicht schwimmen gehen, einmal kurz die Frage ob das Wasser im Mund jetzt eklig ist, oder nicht. Die Antwort: nein, das ist völlig egal, es riecht nicht schlimm ist einfach nur braun. Ich hab irgendwo gelesen weil der geflutete Alsterbereich moorig ist. Das reicht mir in diesem Moment und alle weiteren möglichen Erklärungen für das braune Wasser gehe ich in diesem Moment auch schon nicht mehr durch 😉

Es fällt mir auf, dass ich recht weit rechts schwimme was ja eigentlich von der Ideallinie hier gut sein müsste, allerdings gibt es einen Strom Schwimmer viel weiter links von mir. Wenn mal jemand vor mir ist kann man wegen dem Wasser nur auf Abschlagsabstand zu den Füßen erkennen dass jemand da ist, sonst sind keine Blasen zu sehen. Hinterherschwimmen für mich technisch also absolut unmöglich. Also meist alleine ohne Schwimmschatten und wahrscheinlich auch nicht mit bester Linie. Die Orientierung mit gelben Bojen mit weitem Abstand, gegen die aufgehende Sonne mit Neon-Gelb als Badekappenfarbe für die meisten Teilnehmer ist nicht ganz optimal. Vor der letzten Brücke am Ballindamm ist rechts ein super Panorama, links sind die Zuschauer.

Beim Schwimmausstieg ist erstmal auf die Zwischenzeit geschaut: 1:12h – eine kleine kurze Enttäuschung, etwas langsamer wie im Mittel anvisiert, 1:05 entspannt wäre Bombe gewesen, 1:15 hatte ich als wenn es nicht so gut lauft gesteckt. Aber: ich habe keine (Zusatz-)Kraft investiert, d.h. der Tag geht jetzt einfach weiter und ich will es genießen. Ich lächle, eine Disziplin ist abgehackt. Direkt ist Uli am Ausstieg bei den Zuschauern, wir klatschen ab, ich bin happy, ich bin in Hamburg bei einer Langdistanz, ich fange an zu traben, jetzt kommt die längste Wechselzone der Welt denke ich mir, sie bleibt aber kurzweilig und nicht endlos.

Dann die Anfeuerung von der es auch ein Video gibt: „Hilmar auf geht’s, du geile Sau…“ – die Zuschauer lachen, ich auch, ein gelöster Moment.

Neo runter auf die Hüften, Einteiler nicht hoch, ich habe einen Plan, der Blasendruck war die ganze Zeit beim Schwimmen nicht weg und ist schon schmerzhaft. Ich habe mir gemerkt dass am Anfang vor den Beuteln Dixies plus Pinkelstellen waren. Alles vorbereit, ideal, routiniert im Kopf, tja Pustekuchen. Da wo ich die vermutet habe sind sie nicht. Was oh nein. Verdammt. Bin dann auch in der falschen Ständerreihe, eh was ist jetzt los. Finde meinen Beutel, Neo aus. Überlege: wenn ich dein Einteiler hochmache muss ich ihn zur Toilette wieder runterziehen, also unnötige Zeit. Das ist vielleicht einer der schwierigsten Momente des Tages um die Möglichkeit der wortwörtlichen Erleichterung zu erreichen (Pinkel-count: 3)

Laufe mit Radschuhen über den Strich um die Kurve, steige auf und los geht es. Es rollt, super, einfach cool. Bleibe am oberen Limit meines Wattbereichs. Kurz nach Start, zum ersten Mal trinken. Ich ziehe Luft. Nochmal: nur Luft. Hey, was ist das Problem. Der Schlauch war richtig angesteckt beim Bike-Checkin, ich vermute das beim Abschließen der Räder oder beim Einparken jemand in den Lenker und Schlauch gegriffen hat. Also halte ich an, nehme eine Abdeckung ab, Stecke den Schlauch ein. Zuschauer fragen mich ob sie was helfen können. Ich lehne lächelnd und dankend ab, alles gut. Ich ignoriere, dass ich die Scheibenbremse in Schrägstellung ab und an noch schleifen höre.

In der Stadt fährt es sich eigentlich ganz gut, was sich ändert als das Zwischenstück kommt bis zur Deichstraße. Dieser Abschnitt ist die absolute Hölle, vielleicht besonders für mich, dem ein Schlagloch schon mal die Laune verderben kann. Die Mütter aller Schlaglöcher sind markiert, aber auch nebendran wird man durchgeschüttelt. Mein Trinksystem spritzt und auch die Gelflaschen machen Feuer frei, wie ich erst nach dem Rennen gesehen habe. Rahmen komplett vergelt, meine Schienbeine hatten richtig Krusten. Dazu dann immer mal wieder ein paar Meter Kopfsteinpflaster, an denen sich über den Tag diverses Material anhäuft. Geltüten, Wasser, Flaschen, Trinksysteme, Visiere, alles. Meine Flaschen hinten stehen immer wieder auch mal ein paar Zentimeter höher und ich greife immer wieder nach hinten. Kein Spaß, wirklich nicht. In einem Video aus der Wechselzone habe ich gesehen, wie jemand ca 20 Gels ans Oberrohr geklebt hat. Der oder die muss die doch alle an dieser Stelle verloren haben, oder?

Dann der Deich, endlich Ruhe. Guter Asphalt, es rollt wieder und die Umgebung Deich, Wetter, Geruch, rote Backsteinhäuser und Schafe, wecken Kindheitserinnerungen. Die Wattwerte im Blick werde ich von 2 Krankenwagen überholt. Mist, hoffentlich nichts Schlimmes. Kurz danach die Unfallstelle, wir laufen über den Deich, der Wettkampfgegenverkehr ebenfalls, schon chaotisch. Auf dem Rückweg gibt es eine Umleitung, ich bin recht einsam an dieser Stelle unterwegs und hoffe dass die Umleitung gut besetzt ist, ansonsten radel ich hier im Nirgendwo. Irgendwann zurück auf der Strecke, bei km 80 Dixiestop (Pinkeln zum 4.) und dann ist auch schon die erste Runde rum. Super, es passt noch alles, die Wattwerte, alle 20 min ein Schluck aus der Gelflache (ca 1 Gel), Trinken mit Elektrolyt versetzt, habe ich weniger getrunken wie geplant (und trotzdem diese Pinkelserie), die 5km Splitzeiten zeigen auch dass die Zeiten immer über 30er Schnitt sind. Wenn nicht dieser Höllenabschnitt wäre der 4x zu fahren ist. Am Deichgang Runde 2 dann noch Pinkelstop 5. In der zweiten Runde nach dem südlichen Wendepunkt merke ich das der Wind etwas stärker ist, aber auch nichts wirklich schlimmes, keine Böhen etc. Aber auf der Strecke merkt man wie jetzt manche fahren: ein Pulk aus 8 Fahrern 2 spurig, Rad and Rad. Und Ausschau nach hinten zu Wettkampfmotorrädern. Unsportlich, müssen die mit ihrem Gewissen ausmachen oder hoffentlich erwischt werden. Ich selbst merke aber wie groß die Versuchung ist sich hinter jemanden zu klemmen. Ab dem Zeitpunkt (km 120 bis 150) fahre ich einem groß gebauten Fahrer hinterher mit hoffentlich genügend Abstand, aber mental notwendig sich ziehen zu lassen. Ich merke dass die Wattwerte bei 12-15m Abstand schon niedriger sind, wie wenn mehr Abstand ist. Es wird auch voller, sowohl von hinten kommen immer wieder Trauben in die Reihen gefahren, als auch vorne lassen viele nach. Bei km 160 dann das größte Tief. Bis dahin alles in Aero gefahren, aber mental ist plötzlich die Luft raus. Am Basebar greifen, viel niedrigere Wattwerte wie vorgenommen, es wird zäh. Der Gedanke warum machst du diesen Mist eigentlich, nie wieder Langdistanz droht jetzt wirklich präsent zu werden. Ich habe aber dann doch die vorgefertigte Antwort im Kopf die ich in einem anderen Bericht gelesen habe: weil ich es will, und weil ich es kann. Simpel, aber für mich unglaublich mächtig. Ich habe mich jetzt konkret 7-8 Monate vorbereitet, aus diesem Loch bin ich dann kurz vor Abstieg wieder draußen. Ich glaube die Kettenblattschrauben klappern wieder.

Beim Einfahren sehe ich Uli, die überrascht ist und ihren Foto hektisch sucht. Ich lächle und freue mich, ich habe 180km das erste Mal unbeschadet überstanden, und hatte keinen technischen Defekt, ich glaube der hätte mir ganz und gar nicht gut getan.

Abstieg, ich schiebe und fange an mit dem Rad zu traben. Hallo, die Beine funktionieren ja. Kurzer Glücksmoment, aber nicht übermütig werden, ein Marathon wartet. Es wartet Pinkelstop 6 der dann aber auch der letzte sein sollte. Am Beutel dann eine Helferin zu mir: hey das sieht gut aus, das machst du. Ich etwas zweifeln zurück: ja, aber wie lange? Sie schaut mich an, streckt mir die Faust zum Abklopfen entgegen uns sagt: weißt du was? Du rockst das heute. Boom, Gänsehaut. Mich hat das in dem Moment unheimlich gestärkt. Ich habe ein tiefes Lächeln im Gesicht und bedanke mich bei ihr herzlich.

Ich laufe los. Mika steht direkt beim Eingang in die Laufrunde und ruft mir zu: Wow ich bin hier, ich laufe bei einer Langdistanz und es tut nichts weh und fühlt sich super an. Nach dem Blick auf die Uhr natürlich viel zu schnell. Auf der Strecke sind gerade bei mir Age Grouper Cracks auf der dritten Runde, Profis auf ihrer letzten Runde vermutlich, die schießen gefühlt an mir vorbei obwohl ich mich auch super fühle. Versuche einfach hinter einem behäbigeren 1. Runde Läufer zu bleiben. Geht aber nicht lange, der Kopf sagt lauf langsamer, die Beine machen einfach ihr Ding. Die Durchschnittspace will einfach nicht signifikant runter gehen. Dann eine enge T-Kreuzung auf der Strecke, ich bin komplett mit meinem Gefühl beschäftigt und verpasse dass ich rechts laufen muss, und laufe geradeaus und würde damit wahrscheinlich 6km der 10,5km Runde abkürzen und hätte sicher wenn ich es nicht gemerkt hätte eine Disqualifikation wegen fehlender Split-Zeiten drin.

Gott sei Dank stehen da sehr viele Zuschauer die mir wild und laut zurufen, umdrehen – richtig rein, so jetzt aber bitte auch mal wieder den Kopf einschalten. An der Alster bin ich am Tag zuvor Rad gefahren und mit Uli gelaufen. Es ist herrlich und die Zuschauer tragen einen immer weiter. Die Pace von km1 und 2 (5:12) ist bei 5:40. Gegen Ende der ersten Runde ist Uli am Rand. Ich frage kurz ob sie das Asthmaspray zur Hand hat, da ich merke dass die Lunge etwas zuschnürt, da es aber im Rucksack ist sage: reicht auch in der nächsten Runde. Das man da eine Stunde braucht, ja da kann das Hochgefühl sich schonmal verschätzen.

Die erste Runde war nahezu perfekt und die zweite Runde auch noch ok, ein Zuschauer ruft: Hilmar, das sieht noch viel zu locker aus.

Andererseits gab es auch mal den Zuruf: es ist schon jemand gestorben, ihr könnt aufhören. Ich hab danach mehr nachgedacht wie im Rennen, dort nämlich den Gedanken erstmal bewusst geparkt und hinten angestellt. Zum Unfall schreibe ich später noch gesondert mehr. Kontrovers kann man den Zuruf aber auch sehen irgendwie.

Ende Runde 2: Ein Sprühstoß hat die Lunge dann auch wieder vergessen lassen, ohne dass wäre es mental wahrscheinlich komplett bergab gegangen. Ich vermute dass das wahrscheinlich auch nicht regelkonform war (outside assistance?), denke dass ich das nächste Mal das Spray beim Wechsel zum Laufen mitnehme. Einen Moment stehe ich bei Uli und Mika und fange anzusetzen ein wenig Mimimi zu machen, aber Mika peitscht mich voran: Auf Hilmar, jetzt renn weiter.

So dann die dritte Runde, die wird dann mental zäh. Ich denke nur daran, dass ich mir jetzt das dritte Armbändchen hole und fange an von Verpflegungsstelle zu Verpflegungsstelle zu denken. Alle 40 min nehme ich ein Gel von der Verpflegungsstelle, welches ich von der Konsistenz nicht mag, hatte es aber getestet, und jede Stunde eine Salztablette. Ich fange an komplett in der Versorgung von Anfang bis fast zum Schluss zu gehen, als Belohnung. Das Anlaufen danach stellt nie ein Problem dar, bin dann wieder bereit.

Fange an zu überlegen, ob ich nicht einfach gehen soll, kriege es ja dann auch durch. Dann denke ich aber an alle die vielleicht am Tracker sitzen (der wohl ziemlich mies funktioniert hat, am Rad gar nicht und beim Laufen erst gegen Ende): da wären bestimmt alle enttäuscht, oh jetzt läuft er. Ich habe genug Willen zu sagen, das kommt nicht in die Tüte, es ist nicht mehr weit, dass kannst du jetzt auch durchlaufen.

Hier haben mir dann auch Mentaltricks geholfen über die ich gelesen habe. Auf Runde 2 oder 3 habe ich das erste Mal Erschöpfung gespürt. Die kommt ja einfach irgendwann, bei mir hat sie an der Tür geklingelt als sie da war. Ich habe sie nett begrüßt, ihr die Tür aufgemacht: Hallo, warm welcome, du kommst etwas spät. Mache es dir doch bequem. Hier ist ein Sessel, ich schiebe dir ein Kissen unter die Füße. Möchtest du einen Tee? Super, der muss 3-Minuten ziehen. Hab etwas Geduld.

Kein Witz, ich habe dann bestimmt 20-30 Minuten nicht mehr gedacht dass ich erschöpft bin.

Später hatte ich dann nichts vorbereitet, aber mir dann noch folgendes ausgedacht: was könnte ich jetzt für dich machen? Möchtest du eine Pizza? Oh lecker ja ich auch, ich bestelle eine, kommt in 15 Minuten.

Kein Witz, mit der personifizierten Erschöpfung musste ich dann nie mehr reden, sie war wohl zufrieden mit allem, trinkt Tee und mampft Pizza.

Uli und Mika waren nicht mehr am vorherigen Platz, denke in dem Moment, dass sie irgendwo eine Pause gemacht haben. Dann laufe ich am Zieleingang 3. Runde vorbei und schaue in den Zielkorridor, das wäre jetzt schon schön fertig zu sein oder? Irgendwie nicht, denn dann wäre es ja kein Marathon sage ich mir, schaue auf die Uhr 32km, also noch 10km. Kommt jetzt der berühmte Abschnitt, fängt jetzt der Ironman wirklich an? Super, genau für den bin ich hier, das ist die verdammt nochmal letzte Runde, danach ist das Ding im Kasten. Die letzte Runde wird dadurch unglaublich. Dazu kommt, dass ich jetzt auf der letzten Runde bin d.h. ich fange an 70-80% der Läufer die in meiner oder sogar kleineren Runden sind zu überholen, das ist ein mega Gefühl. Nicht um die anderen Athleten klein zu machen, aber ich denke mir, bei mir ist alles so gelaufen, dass ich jetzt noch laufen kann und nicht schmerzverzerrt wie andere gehe.

Vorher ist die Pace ganz stetig unter 6:20 gefallen, ich puste aus keinem Loch und denke jetzt kann es auch mal noch etwas richtig anstrengend sein. Auch die angewandte Anne Haug Formel: wenn ich jetzt wandere brauche ich 2h, dann laufe ich doch lieber so schnell ich kann, damit es dann schneller fertig ist, wirkt. Die letzten km sind dann 6:10 und km 39 sogar wieder in 5:33 Pace. Es fühlt sich gigantisch an und es gibt gar keinen negativen Gedanken mehr, ich bin im Flow. Im Zielkorridor reiße ich die Arme hoch. Halte die linke Faust nach oben (hoch die internationale Solidarität). Ich höre es Hilmar seitlich rufen. Es ist geschafft. Hilmar Demant – you are an Ironman. Uli, Mika und Neo warten nach dem Ziel. Unglaublich. Super. Ich kann es bis jetzt noch gar nicht richtig fassen und bin froh und happy, dass es so gelaufen ist, wie es war.

Kurzen Schreckmoment in der U-Bahn möchte ich noch erwähnen, damit es nicht zu happy wird (wieder eine Stufe runterschalten, denn man weiß ja: wer hoch steigt der wird tief fallen): in der vollen U-Bahn sackt mir der Kreislauf ab. Etwas was ich bei mir schon oft früher gehabt habe, Marathon 1 oder lange unversorgte Trainingsläufe, immer am Rand einer Ohnmacht. Ich fange an zu schwitzen, muss eine Station vor Hotel früher raus, setze mich hin, trinke einen Schluck, und bin dann wieder unter den Lebenden.

Ach ja und noch ein Schmankerl: den verflixten Inbus habe ich wieder gefunden, damit habe ich jetzt 3 Komplettsätze Sechskantschlüssel. Kann man nie genug haben.

Schwimmen: 01:12:24

T1: 08:42

Rad: 05:36:12

T2: 05:18

Laufen: 04:20:01

Gesamt: 11:22:35

Hilmar Demant, M50-54: Platz 120 von 264

Gedanken zum tragischen Unfall

Mittlerweile gab es ja schon viele Kommentare. Als indirekt beteiligter Teilnehmer bin ich sehr froh, dass das Rennen nicht gestoppt wurde. Was das organisatorisch bedeutet hätte weiß ich auch nicht, und ob das nicht auch ein Risiko gewesen wäre. Das meine ich aber nicht pietätlos gegenüber den Opfern. Die Teilnehmer aus vielen Ländern haben sich monatelang vorbereitet, Urlaub genommen mit Begleitung teilweise angereist etc. Das Risiko bei Großveranstaltungen ist zum einen immer dar. Auf der anderen Seite denke ich muss man die Sache zum Anlass nehmen drüber nachzudenken wie man so etwas bestmöglich (wenn auch nicht komplett möglich) verhindern kann. Dazu gehört zum ersten Streckenführung, dann Medien-Motorrad Einsatz (Challenge Roth ist da ja schon einen Schritt gegangen) und nicht zuletzt Kommunikation des Veranstalters. Da gab es sicher große Defizite, auch wenn ein menschlicher Fehler, der immer passieren kann, wohl zum Unfall geführt hat.

Outro

Beim Schwimmstart hat der Sprecher in etwa dies gesagt: gerade in diesen verrückten Zeiten ist es ein positives Zeichen, wenn Menschen aus über 50 Ländern zusammenkommen und einen gemeinsamen Sport zelebrieren. Mit Kriegen, Klimakrise, offenem und verdecktem Rassismus/Sexismus/etc., Ausbeutung von Menschen und Tieren und allen negativen Auswirkungen bestimmten menschlichen Handelns. Ein Moment wenn man sich verbunden fühlt und merkt dass alle Hoffnung für eine etwas bessere Welt zu kämpfen noch nicht verloren ist. Ich weiß das hört sich bestimmt unheimlich pathetisch an, aber es gehört wohl zur menschlichen und meiner fast-Schizophrenie dazu, da die anderen Momente bei negativen Entwicklungen auch unheimlich stark sein können. All die Mühen, all die Entbehrungen – sie haben sich für mich gelohnt. Und damit möchte ich den Bericht abschließen, ich hoffe er war lesbar und konnte das transportieren was mir wichtig ist.

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