Unsere “Road to Roth” 2022 (Teil 3)

Großes Finale der von Christian Kempf verfassten Tri(a)logie

Ausgeschlafen, tiefenentspannt und mit einem Lächeln im Gesicht öffnen sich die Rolladenflügel vor dem Fenster. Der Raum ist sofort sonnendurchflutet, von außen vernimmt man melodiöses Vogelgezwitscher, es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee und knusprigen Sesamhörnchen….

In diesem Abschnitt sind mehrere Fehler versteckt, wer findet diese?

Kenner der Materie haben diesen Abschnitt längst als müden Abklatsch einer zwanzig Jahre alten Rama-Werbung identifiziert. Die Realität lässt sich hingegen in etwa so beschreiben: am Vorabend extra früh ins Bett gelegt, um sich dann 3,8km schlaflos darin hin- und herzuwälzen, 180 mal daran gedacht, was morgen alles passieren kann oder soll und 42,2 Sekunden bevor der Wecker klingelt, dann tatsächlich eingeschlafen. Aus frühen Erzählungen von Stammesältesten des TV Forst Triathlon wissen wir, dass dies schon vor 25 Jahren so war und vermutlich auch in 25 Jahren noch so sein wird.

Die Uhr zeigt also 4:30 Uhr und der Campingplatz ist wach. Diese Uhrzeit ist das Ergebnis einer Rückterminierungsrechnung unseres Generalstabs am Vorabend. Zwar waren wir auf Grund unterschiedlicher zuvor angegebener Zielzeiten in unterschiedliche Startgruppen eingeteilt worden, jedoch mussten alle um 6:15 Uhr Ihren Bike Beutel final in der Wechselzone abgegeben haben. Deshalb war die Parole ausgeben worden, um spätestens 5:30 Uhr den Fußmarsch zum Schwimmstart anzutreten, um noch ausreichend Zeit zu haben, dem Fahrrad das notwendige Finish zu geben. In das Zeitfenster bis 5:30 Uhr musste dann noch Anziehen, Sonnenschutz, Frühstück und die Befüllung und Entleerung des Magen-Darm-Traktes gepackt werden. Das Frühstück selbst bestand vielfach aus einer Orgie aus Weißmehl, Zucker, Marmelade, um sich die notwendigen PS für den heutigen Race-Day einzuverleiben. Ruckzuck ist es dann 5.30 Uhr und wir marschieren los, es ist noch zu kalt für den Einteileranzug, die aufgehende Sonne und die Wettervorhersagen kündigen einen heißen Tag an.

Um dreiviertel sechs betreten wir die Wechselzone und versorgen der Reihe nach unsere Räder mit unserer mitgebrachten Luftpumpe mit Luft. Tacho und Trinkflaschen ran, Trinksystem befüllen, die überwiegende Mehrheit aller Starter entscheidet sich auf Grund der örtlichen Bedingungen gegen Radschuhe am Rad. Gegen 6:15 Uhr haben wir dann unseren Bike-Beutel abgegeben und wir versammeln uns an einer Ecke des Feldes. Noch etwas Trinken, schauen wie hier die Dixis hier von innen aussehen, dann Neopren an und den Afterracebeutel fertig befüllen. Diesen dann 15 Minuten vor individuellem Schwimmstart, zusammen mit der Luftpumpe beim Transfer-LKW abgebeben. Um 7:00 Uhr war Michael in die Startergruppe eingeteilt, ich folgte um 07.05 Uhr und etwas später Martin, Bernd und Jörg. Der Veranstalter hat dankenswerterweise die individuellen Startzeiten auf die Badekappe gedruckt, damit in der Aufregung nichts verrutscht. Mittlerweile fällt der Startschuss für die Profis. Kurz vor Sieben bewegen Michael und ich uns in Richtung Schwimmstart und unterschätzen Entfernung und Gedränge. Hektik kommt auf. Michael gelangt gerade noch just-in-time in seinen Startblock aus 205 Startern. Dann geht es schon ins Wasser an die Startlinie, ein kräftiger Wumms als Startschuss und los geht’s. Ich stolpere hinterher, lasse mir noch den Neopren von einem freundlichen Mitstarter schließen und darf nach Hinweis der zuständigen Kampfrichterin auch meine weißen Frotteehotelpuschen dalassen. Der nächste 205 Pack der 7:05 Uhr Startgruppe wird zu Wasser gelassen. Von der Kameradrohne über uns muss dies aussehen wie die Auswilderung einer FOrellenzucht in das Gewässer. Wir schwimmen zur Startlinie in Form eines Seiles zwischen DLRG Booten. Dies war also die Situation, die uns Schwimm- und Paintrainer Christian hat unermüdlich in den letzten Monaten durch verschiedene Startszenarien trainieren lassen. Gefordert war hier ein schneller Start von Bauchlage aus, ohne Beckenrand zum Abstoßen. Wo kommt dann die Variante, erst mit den Füßen auf den Boden, Auftauchen, Schwimmbrille aufziehen und Losschwimmen zum Einsatz und wie tief ist der Main-Donau-Kanal hier überhaupt? Instinktiv schwimme ich direkt in die Pole Position an der Startlinie. Angesichts der bevorstehenden Langdistanz bringt dies wahrscheinlich genauso viel wie ein Tiefstart aus dem Zelt der Wechselzone 2 auf den abschließenden Marathonlauf. Was soll’s, man hat hier immerhin einen schönen Blick auf die schnurgerade Schwimmstrecke. Diese führt erst nach rechts, dann an der nächsten Brücke mit vielen Zuschauern um die Wendeboje wieder zurück, über die Höhe des Schwimmstarts hinaus, kurz vor der Schleuse wieder um den Wendepunkt und dann zurück zum Ausstieg. Ein Kanonenschuss und die Leine hebt sich für Gruppe 7:05 Uhr zum Start. Das Schwimmen findet unter guten Bedingungen statt, die Strecke ist denkbar einfach zu navigieren, die Sicht- und Wasserverhältnisse gut. Trotzdem kommt es uns allen sehr lang vor und beim Ausstieg aus dem Wasser zeigt die Uhr, dass die meisten schlechter geschwommen sind, als es der Trainingszustand erwarten ließ.

Wieder festen Boden unter den Füßen, stürmen die Landgänger zu ihren Bikebeuteln vor dem Wechselzelt. Dabei kommt es vereinzelt zu Gegenverkehr von Teilnehmern, die an ihrem Beutel vorbeigelaufen waren. Im Zelt muss man sich aus dem Neopren pellen, Startnummer umbinden, Radschuhe an und sehr angenehm assistiert von einem Helfer, die Schwimmutensilien in den Beutel packen. Das Fahrrad ist schnell gefunden, mit den Radschuhen läuft es sich auf der Wiese einigermaßen gut. Es gibt mehrere Ausgänge aus der riesigen Wechselzone, da wenige mit eingeklickten Schuhen am Rad starten, geht es sehr gesittet zu. Dann geht es raus auf die gesperrte Landstraße und wunderbare erste Kilometer mit leichten Gefälle nach Eckersmühlen, wo man im weiteren Verlauf 3x durchfahren wird. Ist man durch Eckersmühlen durch auf Runde 1, kommt auch schon die erste Versorgungsstation deren Ausstattung und Reihenfolge der gereichten Ernährung in den Startunterlagen detailliert beschrieben ist. Es geht weiter nach Thalmässing und nach rund 35 km kommt bei Greding der Hauptanstieg der Strecke von insgesamt rd. 1200 Höhenmetern. Während der Fahrt findet jeder so seinen eigenen Fahrradkumpel, man überholt sich gegenseitig, verliert sich und trifft sich dann später wieder. Das Fahrerfeld ist hier nicht sehr dicht, die 12m Windschattenbox ist heilig, die Challenge Roth hat mit einer Bonusstrafe über das DTU-Regelwerk hinaus (bei Zeitstrafen ist zusätzlich noch 1km extra am Start der Marathonstrecke zu laufen) für die notwendige Einschüchterung beim Startfeld gesorgt. Um diesem Damoklesschwert zu entgehen, wurde im Camp am Vorabend genau diese Windschattenbox durchgespielt. Hier schlug wieder die Stunde unseres Teamkollegen und Pädagogen Jörg, der uns mittels seiner eigenen Körperlänge in der Horizontalen auf dem Rasen, die Dimensionen dieser 12m veranschaulichte. Die knappe Formel lautete: beträgt der Abstand zum Vorderrad des Vormannes oder -frau weniger als sechs Jörg-Längen, dann droht die bereits erwähnte Bonusrunde. Dies wurden dann auch von unseren beiden Ligastartern Michael und Martin, die es mittlerweile in der baden-württembergischen Kampfrichterszene zu gewisser Bekanntheit gebracht hatten, mit verständigem Kopfnicken quittiert.

Nach 70km durchqueren wir Hilpoltstein und dann folgt der legendäre Solarer Berg. Man fährt den Anstieg an und vor einem ist die Straße komplett voll mit jubelnden Menschen. Während man den Eindruck hat auf eine Wand zuzufahren, öffnet sich diese Menge jubelnd, anfeuernd, klatschend, trommelnd wie eine Reißverschluss und schließt sich nach einem wieder, bis zum nächsten Radler. Die Durchfahrt ist gigantisch, laut und auch anstrengend, da vermutlich aller über Limit fahren – Wahnsinn!

Leider ist irgendwann der Scheitel erreicht und es geht „normal“ weiter. Nach einer Weile kommt man beim Einstieg nach der Wechselzone 1 vorbei und knapp 90km geht es an der Weiche in Eckersmühlen auf die zweite identische Runde. Während den Abfahrten, kommt es bei mehreren Startern plötzlich zu einem erst surrenden, dann flatternden Geräusch. Probleme am Rad?, Wespe im Helm?, es dauert eine Weile, bis die Ursache lokalisiert werden kann. Als Übertäter stellt sich der seitlich aufgebrachte Startnummernaufkleber am Helm heraus, der sich gelöste hatte. Ignorieren wäre die beste Lösung gewesen, leider ist das Geräusch so nervtötend, dass man aus der Aeroposition rausgeht und den Aufkleber wieder glattstreicht, um ihm im Rennverlauf später dann ganz zu verlieren.

Die mittlerweile bekannte Strecke wird bei strahlendem Sonnenschein weiter abgespult. Wir kommen durch winzige Dörfer, deren Straßen durch Feuerwehrmänner in kurzen Hosen, die aber allesamt pflichtbewusst ihre Schirmmütze tragen, abgesperrt sind. An den Straßenrändern stehen mal viele, mal wenige Zuschauern aber man hat wirklich das Gefühl, dass alle mit Leidenschaft dabei sind und anfeuern. Langsam überholt der eine oder andere Staffelradfahrer. Ab der Hälfte der zweiten Runde lässt sich langsam die Erosion der Aerohaltung beobachten und das Fahren auf dem Oberlenker kommt wieder in Mode. Bei Kilometer 170 tangiert man ein zweites Mal am Schwimmstart, um kurz darauf an der Weiche Eckersmühlen in Richtung Wechselzone 2 nach Roth abzubiegen. Das Gefälle dorthin wird gerne angenommen, denn die Strecke und die 1200 Höhenmeter haben mittlerweile doch Einiges abverlangt. Am Stadtrand von Roth geht es dann in die Wechselzone 2. Hier zeigt sich wieder die Qualität dieser Veranstaltung und der Helfer. Man kommt am Eingang mit Zielbogen an, während auf der Bodenmarkierung zum Abstieg schon Helfer mit Laola warten. Das Rad wird an helfende Hände abgegeben und auf dem Weg zum Wechselzelt übergeben weitere Helfer den persönlichen „Run“-Beutel. Im Zelt assistieren neue Helfer beim Umziehen. Die Frage nach Sonnencreme wird mit einer Gegenfrage beantwortet, ob man denn von den Helfern eingecremt werden möchte, mehr geht kaum. Glänzend wie eine Ölsardine verlässt man im Laufschritt das Wechselzelt in die heiße Nachmittagssonne.

Nach kurzer Strecke durch Roth geht es wieder Richtung Main-Donau Kanal. Mir kommt dabei Anne Hauk entgegen. Anders als gestern im Stadium mit dem Sprecher, scheint sie es heute eilig zu haben und nicht zum Schwätzchen aufgelegt. Es geht weiter durch ein Industriegebiet, wo ein Maschinenbauer einen Hotspot eingerichtet hat. Hier feuern uns die Kollegen vom Kraichgau Triathlon an, die Lorenzos an vorderster Front. Es geht weiter durch den Hof einer Schreinerei und dann gelangt man nach rechts auf den Parallelweg des Main-Donau-Kanals, um ca. 4km bis zum ersten Wendepunkt zu laufen. Der Streckenverlauf ist gut gewählt, liegen doch weite Abschnitte im Schatten des Waldrandes. Trotzdem ist es mittlerweile heiß, so dass das Angebot einer Wasserkühlung mit Eimern an den Versorgungstationen gerne angenommen wird. Im Programm der Helfer ist die Variante Wet-T-Shirt-Contest oder dabei den ganzen Kübel gleich über die Rübe. Ich bestelle das ganze Sortiment. Durch die Wendepunktstrecke haben wir im weiteren Verlauf Sichtkontakt mit unserer kompletten Gruppe, so dass wir schnell die gegenseitige Gewissheit hatten, dass alle heil die ersten beiden Disziplinen hinter sich gebracht hatten. Die Rennstrategie wechselte in den Modus in Würde heimkommen und sich bis dahin gut zu kühlen und ernähren.

 

Das Thema Ernährung hatte in den letzten Tagen eine weitere Wendung erhalten. Der neue Hype der Saison waren Salztabletten, um bei den heißen Temperaturen Krämpfen entgegenzuwirken. Auch hier war wieder verschiedene Lösungen am Start. Während Jörg mit Kügelchen Modell Bad Reichenhall unterwegs war, hatte Martin Lutschtabletten in einer praktischen Blisterpackung. Um nicht einen monatelangen Trainingsaufwand einer Natriumarmut im Wettkampf zu opfern, sah ich mich selbst bemüßigt, auf der Sportmesse am Samstag mich ebenfalls mit Salzpillen einzudecken. Dies gelang dann zu drei Euro auf dem Sponsors-Stand, die 10 Pillen wurden straßendealermäßig in ein kleines Plastiktütchen eingefüllt. Fortan heißt es abwechselnd Trinken, Gel, Essen und Salztablette zuführen. Wer dabei zwischendurch ein Gel der Geschmacksrichtung „Mojito“ erwischte, war auch geschmacklich mit neuen Reizen konfrontiert, mit denen höchsten Blumis Gelmix mithalten konnte.

 

Bei Kilometer 18 ist der zweite Wendepunkt erreicht und so langsam kommt für alle die Prüfung, ob die Kräfte bisher gut eingeteilt wurden oder ob das Lauf-Armageddon bevorsteht. Am Wegesrand stehen Zuschauer mit einem Schild mit der Aufschrift „Tap here to power up“ mit einem Bild des power-up Pilzes aus dem Super Mario Spiel. Während ich darüber sinniere, um welchen infantilen Quatsch es sich hier handelt, fährt meine Hand aus um mit maximaler Kontaktzeit, die Kraftübertragung zu optimieren. Dermaßen aufgeladen, passiere ich Kilometer 25 und verlasse den Main-Donau-Kanal durch das besagte Industriegebiet wieder in Richtung Roth. Dabei dokumentiert Vereinskollege Volker mittels Handy unsere Anstrengungen, feuert uns an und versucht wahrscheinlich unterbewusst den Grad des Leidens aus unseren Gesichtern abzulesen, will er sich doch morgen selbst für 2023 anmelden.

 

Das Industriegebiet ist schnell durchlaufen, bei Kilometer 30 sind wir wieder in Roth und vor uns wird der Marktplatz angekündigt. Normalerweise stellen bei citymarathons publikumsgesäumte Marktplätze in innerstädtische Lage, Quellen für ungeahnte Kräfte auf den letzten Kilometern dar. Hier verhält es sich anders. Es heißt ja Challenge, also ist der Marktplatz natürlich aus unebenen Kopfsteinpflaster und es läuft sich furchtbar darauf. Weil dies nicht reicht, sind auf dem Boden noch halbkugelförmige tennisballgroße Poller eingearbeitet. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist man endlich durch und zur Belohnung beginnt jetzt die Steigung der Strecke. Sie verläuft zwar im Wald und der Schatten ist angenehm, gleichzeitig reift langsam die Erkenntnis, dass man diesen Weg später wieder abwärts zu laufen hat. Der letzte Wendepunkt ist bei Kilometer 36 in Büchenbach und dieser wurde von den Wendepunkt-Scouts hervorragend gewählt. Er führt nämlich in der Dorfmitte um einen kleinen kurparkartigen Teich und macht Laune. Dann geht es abwärts auf Asphalt nach Roth. Am Ortsende von Büchenbach hat jemand „nur noch 4091 Meter“ auf den Boden gesprüht. Wie kommt man auf so eine Zahl? Wahrscheinlich genauso, wie man auf eine Marathonlänge von 42,195km kommt. Die Zahl löst sofort im Kopf einen internen Abwärtszähler aus, der monatelang mittwochabends in Forst im Stadion trainiert worden war. Natürlich geht es auf dem Rückweg wieder über den Marktplatz zurück. Haben die Anfeuerungsrufe bis dato eher „Auf geht’s“ Charakter, ändern sich dies nun in „Nur noch…“.

Der Zähler ist mittlerweile dreistellig geworden und die Lautstärke der Stadiondurchsagen signalisiert Zielnähe. Irgendwann ist es dann endlich soweit. Es beginnt mit D, dann A, ein T, gefolgt von E und am Ende ein V, der giftgrüne Zieleinlaufteppich des Hauptsponsors DATEV, liegt einem als Stolperfalle vor den Füßen. Dann geht alles irgendwie ziemlich schnell, man läuft durchs Ziel, Medaille um den Hals und nach kurzer Zeit wird man höflich nach draußen geführt, um wieder Platz für neue Zieleinlauffotos zu machen. Ein kurzer Plausch mit Bernd und Jörgs Familie, die als Schlachtenbummler immer wieder anfeuerten (Danke, Danke) und dann ab in die Zielversorgung, um sich mit einem Erdinger das erste nicht süße Getränk seit vielen Stunden einzubauen.

Nachdem sich im Ziel bei Michael und mir die erste Euphorie legte, treffen die ersten Schadensmeldungen der untern Körperhälfte ein. Wir beschließen das Massageangebot im Afterrace-Zelt anzunehmen. Hier stehen lazarettartig rund 40 Massageplätze zur Verfügung und wir kommen schnell an die Reihe. Die Massageexperten sind super und zögern auch nicht lange, die völlig zerstörten und verschwitzten Athleten wieder einigermaßen in Form zu modellieren. Als wir fertig sind, können wir schon Martin im Ziel begrüßen, der sich auch erst einmal durchkneten lässt. Was dann folgt, ist ein massives Auffüllen der Nährstoffspeicher. Wie Nachtfalter vom Licht angelockt werden, landen viele von uns als erstes bei einem Stand mit halben Laugenbrötchen, belegt mit Salami und fetter Essiggurke. Danach folgen gleich mehrere Eis am Stiel und wir setzen uns vors Zelt, zusammen mit den Kollegen von Kraichgau Triathlon Rolf, Michael und Axel. Wenige Erdinger Alkoholfrei später, stößt auch schon Bernd zu uns.

Während sich Martin über seine erste Langdistanz freut, freut sich Bernd über seinen ersten Triathlon überhaupt. Wir humpeln nun abwechselnd immer wieder in das Versorgungszelt, um wahlweise mit Nudeln, Schokopudding, irgendwas mit Quinoa und Eis zurückzukehren. Die Stimmung ist mehr als gelöst und wir mutmaßen, wo sich Jörg wohl befinden möge. Wir sind zwar zwischenzeitlich wieder online, der Athleten-Tracker funktioniert irgendwie aber nicht. Etwas später kommt Licht ins Dunkel, als uns Stephan von der Heimatbasis aus per Whattsapp durchgibt, bei welchem Kilometer Jörg gerade ist. Wir beschließen noch zu warten und vielleicht noch das ein oder andere Eis zu essen. Währenddessen stellt Martin fest, dass am Nachbartisch leibhaftig die Instruktorin seiner Youtube Stabi-Tutorials sitzt, die ihn monatelang durch die Ödnis von Planks und Co. führte. Sie hatte auch teilgenommen und es folgt eine nette Unterhaltung mit dem Versuch auch Michael von dem Nutzen dieser Verrenkungen zu überzeugen.

Einige Zeit später ist es dann soweit, unser fünfter Mann im Bunde, Jörg, betritt die Zielarena und brennt schon vor Wettkampfende ein wahres Feuerwerk ab, dass die tanzenden Cheerleaderinnen im Ziel Gewissheit hatten, dass sich das heutige Warten lohnte. Die Arme in die Höhe gerissen, das Tribünenoval zur kollektiven Laola animiert unter Ausnutzung aller Siegerehrungspodeste, dreht Jörg seine verdiente Ehrenrunde.

Nachdem sich unser kollektiver Siegestaumel etwas abgekühlt hat, trennt sich unsere Gruppe auf. Bernd und Jörg lassen sich noch von der Familie feiern und entscheiden sich später für den Shuttlebus, der die müden Roth-Krieger immer wieder bis fast Mitternacht von Roth wieder zur Wechselzone 1 transferiert, wo heute Morgen alles seinen Anfang fand. Wir restliche Drei gehen den Kilometer vom Ziel zur Wechselzone 2, um unsere Ausrüstung auszulösen. Auch hier herrscht wieder ein erstaunlich hoher Servicegrad. Beim 70.3 Kraichgau ist man gewöhnt, dass nach dem Rennen die Fahrräder auf den Ständern hängen, wie die Fetzen der letzten Kollektion beim Sommerschlussverkauf von H&M. Da sich mittlerweile bei den Radlackierungen in der breiten Masse der grelle Farbton dark gothic black durchsetzte, endet dies regelmäßig in einer wilden Sucherei. Anders hier in Roth. Die Räder hängen bundeswehrmäßig ordentlich und strukturiert an sauber beschrifteten Radständern. Die Helfer übergeben den Starterbeutel und bieten sich an, auch die Räder herauszusuchen. Beim Vorfahren der Räder dürfen wir uns alle ein bisschen fühlen wie bei Derrick. Dann satteln wir unsere Räder, mittlerweile auch um Weizenbiergläser eines Sponsors in der Roth 2022 Editon reicher, die wir im Afterracebereich neben Finishershirt und Medaille erhalten hatten.

Jetzt heißt es nochmal die Zähne zusammenbeißen und die rd. 7km bergauf nach Heuberg zu stemmen. Dies gelingt dann auch noch irgendwie und kurz vor 22 Uhr biegen wir auf den Sportplatz ein und genießen eine Dusche bei den Fußballern. Danach trinken wir das beste Tannenzäpfle der Welt und sitzen noch geflasht in unseren Campingstühlen, bis Bernd und Jörg hinzustoßen. Nachdem auch diese beiden wieder geduscht und gesellschaftsfähig sind, stoßen wir alle am heutigen Tag an unsere Grenzen. Bernd stellt eine kalte Fünfliterdose Bier nebst profimäßigen Steinkrügen auf den Tisch.

Wir rufen uns an dieser Stelle nochmals das Setting in Erinnerung: fünf durstige Männer im besten Alter, sitzen rund um einen Campingtisch, das Tagewerk ist erfolgreich verrichtet, man wurde stundenlang mit Applaus überschüttet, vor Ihnen steht diese zylindrische Form aus Weichblech, darin 5 Liter Gerstensaft, umzingelt von fünf Steinkrügen. An normalen Tagen wäre hier die Geschichte schon zu Ende gewesen, denn während dieser Satz geschrieben wird, wären die zwei Halbe pro Person schon inhaliert und die Dose für den Wertstoffcontainer vorbereitet worden. Anders heute: alle nuckeln irgendwie mimimi-mäßig an den Krügen herum und das Ding will einfach nicht leer werden. Nur mit Hilfe von süßem Sprudel, wird der erste Krug noch anstandshalber geleert, danach ist bei allen Sabbat. Nach diesem großartigen Tag können wir mit diesem Umstand aber mehr als gut umgehen und ziehen uns ein letztes Mal in unsere Campinggemächer zurück.

Was bleibt, sind sagenhafte Erinnerungen, super Debuts, eingelöste Wetten, Fortsetzungen und Comeback sind geglückt, ein Bombenwettkampftag, Danke an alle Unterstützer, Danke Roth …. und wir sind alle froh in nächster Zeit wieder trainieren zu dürfen und nicht zu müssen 😉

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