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Frankfurt Marathon am 27.10.2019 (von Christian)

„Zehn Minuten bis zum Start…“ tönt es vom Sprecher. Ich stehe hier im ersten Startblock mit insgesamt rund 12.000 Mitstartern des 38. Mainova Frankfurt Marathons. Er ist der älteste City-Marathon Deutschlands und hinsichtlich der Finisherzahl der zweitgrößte Marathon Deutschlands. Wie kam es für mich überhaupt so weit? Das Warum und Wie ist schnell erzählt: Saisonhöhepunkt in diesem Jahr war meine erste Ironman-Langdistanz in Hamburg mit intensiver Vorbereitung. Ich fühlte mich vor dem Ironman läuferisch stark wie nie und musste dann in Hamburg auf der zweiten Marathonhälfte leiden wie ein geprügelter Hund. So sollte also die Saison kein Ende finden. Nachdem meine Anwesenheit in Hawaii, sagen wir mal so, nicht notwendig war, hatte ich also im Oktober noch Kapazität frei.

„Five minutes to go…“ der Sprecher ist gerade dazu übergegangen, seine Mitstreiter auf der Empore vorzustellen. Wir lernen fast den kompletten Stadtrat von Frankfurt kennen und verdiente Spieler der Eintracht aus glorreichen Zeiten. Die Wetterbedingen heute sind nahezu ideal: trocken, rund 15 Grad, windstill, für Nachmittag ist leichter Regen vorhergesagt. Mein Gegner steht heute nicht neben mir, sondern ist als km-Schnitt in die Uhr programmiert. Die Mission heißt Marathonbestzeit, ein Läufertraum seit vielen Jahren, unter drei Stunden.

„Noch eine Minute bis zum Start…“ der Startblock wird unruhig, die letzten Läufer stellen die Wässerung der Grünanlagen neben dem Startblock ein und das Feld entledigt sich der wärmenden Läuferoberteile und Ponchos. Mittlerweile haben viele Citymarathons professionelle Altkleidersammler am Start, so dass die Kleiderspende tatsächlich noch einem guten Zweck zugeführt wird. So auch hier in Frankfurt.

„10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1“ go, die Meute läuft los und …… stoppt wieder. Ein häufiges Phänomen bei großen Starterfeldern, was sich in etwa anfühlt wie die erste Fahrschulstunde beim Anfahren am Berg. Nach zwei, drei Rucklern dieser Art geht es dann endlich über die Startlinie, d.h. aus Brutto wird Netto.

In Frankfurt lief ich meinen allerersten Marathon überhaupt. Es war damals der 20. seiner Art und wir schrieben das Jahr 2001. Der Vorteil von Frankfurt ist sicherlich das Flair eines großen Citymarathons direkt vor unserer Haustüre und dem damit verbundenen geringen Aufwand. Anmelden, Sonntagmorgens hin (mit einer Stunde Bonusschlaf, da immer am Wochenende der Winterzeitumstellung), Startunterlagen abholen, Laufen und nachmittags wieder daheim auf der Couch. Daneben wirbt auch der Veranstalter mit der flachen und damit schnellen Strecke, also bestzeitenfähig. Was er allerdings geflissentlich verschweigt, ist die Enge auf den ersten paar Kilometern, dieses Jahr gefühlt durch zahlreiche Baustellen, sogar noch schlimmer als sonst.

Ich bin mittlerweile bei Kilometer 2 angekommen. Vor mir laufen meine beiden Sherpas, die mich heute auf den Marathongipfel bringen sollen. Interessanterweise sind von allen Zugläufern Profile auf der Homepage, so dass man sich schon im Vorfeld ein Bild machen kann. Es ist für mich das erste Mal, dass ich in einem Zugläuferfeld laufe und ich bin hier über die Leistungsdichte überrascht. Meiner Schätzung nach dürften wir um hundert Läuferinnen und Läufer sein. Dies ist nicht unproblematisch in den Engstellen, wo es auf den ersten Kilometern zu Stürzen und Kollisionen mit Fahrbahntrennern kommt.

 

Bei Kilometer 10 verlässt die Strecke den engen Innenstadtbereich und es geht auf die Bockenheimer Landstraße. Wir passieren den ersten großen Versorgungsbereich, bei dem es extrem eng zugeht. Die beiden Zugläufer haben in ihrem Rucksack mit der Zugläuferfahne auch Ihre Getränke stecken. Dadurch müssen sie auch an den Stationen nicht anhalten und laufen strikt weiter. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass die ersten zehn Kilometer ein paar Sekunden zu schnell waren aber angesichts der Tumulte auf den ersten Kilometern absolut vertretbar. Dann geht es auf die andere Mainseite und ich kann des erste Mal das Feld nach den anderen Vereinskameraden absuchen.

Mit am Start heute sind Volker, Lars-Kristoffer und Tobias. Volker und ich hatten uns heute Morgen zufällig im Rebstockparkhaus getroffen. Dort parkt man in der Regel und fährt dann mit dem Shuttlebus zum Messegelände, wo sich Start und Ziel des Marathons befinden. (Kleiner Tipp am Rande: es hat sich als Vorteil erwiesen, wenn man sich beim Parken sehr gut das Parkgebäude, die Ebene und die Parkplatznummer einprägt. Das spart dann unter Umständen einen halbstündigen Orientierungslauf nach (!) dem Marathon.) Meine Wege hatten sich dieses Jahr häufig mit Volker gekreuzt. Angefangen beim Ironman Kraichgau, später in der Laufvorbereitung beim Golfparklauf St. Leon, beim Baden-Marathon und heute beim Frankfurt Marathon. Er strebte eine noch schnellere Zielzeit als ich an, so dass wir nicht zusammen starteten. Als wir heute Morgen gemeinsam unser Startunterlagen abholten trafen wir dann noch Lars-Kristoffer, der seinerseits schon Tobias getroffen hatte, den wir aber an diesem Tag nicht mehr sehen sollten.

Mittlerweile geht es über die Halbmarathonlinie, die Hälfte ist geschafft, der Schnitt stimmt noch. Auf der Straßenseite ist eine Großbildleinwand aufgebaut, die momentan das führende Feld zeigt während ein Sprecher einzelne Läufer namentlich grüßt. Wir laufen nun durch den Stadtteil Schwanheim, wo wir alleine an fünf Musikgruppen und Bands vorbeikommen. Das muss man Frankfurt lassen, für Unterhaltung während der Strecke ist gesorgt. Wo beim Badenmarathon hinten raus auch gerne mal ein Oboe Spieler in Moll „einheizt“ ist hier immer wieder was los. So konnte man dann auch schon von weitem die anstehende Mainüberquerung bei Kilometer 24 hören. Dort hat nämlich eine Firma für Veranstaltungstechnik ein Art Pommesbude auf Rädern mit Boxen und einem DJ vollgestopft, aus dem es ordentlich utzt und scheppert. Dies hilft uns dann den wahrscheinlich höchsten Anstieg des Tages, die Schwanheimer Brücke zurück über den Main, zu überwinden.

 

Bei Kilometer 25 versuche ich die erste Getränkezufuhr. Da es immer noch eng zugeht, greife ich am Ende der Station einen Becher Tee. Die darauffolgende Flüssigkeitsaufnahme erfolgt im Verhältnis 5:95 – d.h. 5ml gelangen in den Magen, 95ml verteile ich fachmännisch im Gesicht und auf dem Laufshirt. Zum Glück bestand die Flüssigkeit im Becher nicht wirklich aus Tee im engeren Sinn, sondern aus aufgelösten Zuckergranulat mit Zitronenaroma.

 

Kurz vor Kilometer 30 fängt es heute an haarig zu werden. Nicht in Form des berühmten Mannes mit dem Hammer, sondern eher wie in der Marathonliteratur gerne beschrieben, als unsichtbares Gummiband, gegen das man anlaufen muss. Erste Zweifel kommen auf, ob es heute für das große Ziel reicht. Ich nehme mir vor, bei der Kilometer 30 Station ordentlich zu trinken und nehme weiteres Gel zu mir. An der Versorgungsstation angekommen, laufe ich zum Tisch mit Isogetränken, bleibe kurz stehen und trinke einen Becher. Was sich für mich wie wenige Millisekunden anfühlte, nutzten die beiden Zugläufer, um ca. 200m Abstand herauszulaufen. Die Karawane zog weiter, während der Sultan halt Dorscht hatte…

 

Nun stand ich vor einer fundamentalen Entscheidung für diesen Tag. Abreisen lassen und das zum Greifen nahe Ziel aufgeben oder versuchen aufzuschließen, mit dem Risiko fünf Kilometer später komplett einzugehen? Im Kopfkino spulte sich mein Trainingsaufwand der letzten acht Wochen ab, Trainingsplan von Herbert Steffny, in Summe 750 Laufkilometer, davon in den letzten Wochen diverse 32 und 35km Läufe mit Endbeschleunigung, einige eklige Intervalltrainings bei Dunkelheit und Regen. Sollte dies also alles umsonst gewesen sein? Abhilfe brachte dann eine kleine Überschlagsrechnung im Kopf. Die Zugläufer und damit meine personifizierte Wunschzeit, liefen rund 250m vor mir, was ca. 1 min Vorsprung entsprach. Um dies auf den letzten 10 Kilometern herauszulaufen, müsste ich meinen km-Schnitt von 4:15, den ich aktuell kaum mehr schaffte, auf 4:09 senken. Das kapierte dann auch ein bei Kilometer 32 benebeltes Läuferhirn.

 

Also dann halt den Untergang verwalten und zehn Kilometer herunterzählen. Bis Kilometer 35 hatte ich die Zugläufer noch in Sichtweite, dann geht es wieder in den Innenstadtbereich rund um das Bahnhofsviertel. Passend zum Gemüt setzte leichter Regen ein und zu meinem Erstaunen wurde die Straße und das Pflaster der Innenstadt glatt. Halt finde ich dann interessanterweise auf Farbenmarkierungs­streifen, auf denen ich fortan laufe. Von außen betrachtet sieht das wahrscheinlich aus wie bei Forrest Gump.

 

Ich passiere das „berühmte“ Kilometer 38 Schild. Berühmt deshalb, da man an diesem Schild schon bei Kilometer 2 vorbeiläuft. Und hier am Anfang denkt sich jeder, „wenn ich mal bei Kilometer 38 bin, dann ist das Meiste vorbei“. Richtig zu Ende gedacht müsste es aber heißen „…das Meiste vorbei aber nicht das Schlimmste!“. Denn vier Kilometer können noch verdammt lang sein….

 

Gelegenheit also für eine kurze Überprüfung des Kilometerschnitts. Meine Uhr am Handgelenk hat heute für jeden etwas im Angebot. Die Geschwindigkeitsanzeige springt zwischen 3:55 Min./km und 5:15 Min./km hin und her. GPS in den Häuserschluchten der Frankfurter City funktioniert momentan kaum. Dann halt old-school. Bei Kilometer 40 kommt man an einem Kirchturm vorbei. Dieser zeigt 12:53 Uhr, Start war um 10 Uhr. Könnte also noch irgendwas mit 3:03h geben. Versuche die Reststrecke im Kopf noch kleiner zu zerlegen. Zwei Kilometer bis zum Zieleinlauf. Im Stadion nur fünf Runden, klingt irgendwie machbar. Also nochmal alles rausholen und Ergebniskosmetik betreiben.

 

Dann endlich der Messeturm und Zieleinlauf in die Messehalle. „Der emotionalste Zieleinlauf Deutschlands!“ hatte der Sprecher heute Morgen am Start angepriesen. Scheinbar sind den Finishern vor mir nicht nur Emotionen beim Zieleinlauf durch den Kopf gegangen , wie man an den mit Katzenstreu abgedeckten Flecken auf dem roten Teppich hinter dem Zielbanner sieht ….

 

Endlich im Ziel, wird man auch gleich durch die Halle nach draußen in den Versorgungsbereich geleitet. Dabei sind gewaltige fünf Treppenstufen nach unten zu bewältigen, wo tatsächlich mehrere Helfer bereitstehen, um ggf. zu unterstützen. Medaille um den Hals, Regenpocho an und endlich Essen und Trinken. Ich treffe gleich Volker, der heute die schnellste Zeit unserer Truppe erreichte. Wir klappern die Stände ab und ich komme bei einem Zelt ins Schmunzeln. Hier wir ein super Power Protein Food angeboten. Beim genaueren Hinsehen handelte es sich dabei um Harzer Rolle, auch gerne zubereitet zu Handkäse mit Musik.

 

Überhaupt scheint Marketing bei diesem Event eine große Rolle zu spielen. Um uns herum trägt gefühlt jeder Dritte diesen neuen Laufschuh aus der Weltraumforschung eines amerikanischen Sportausrüsters. Da heute wenige Teilnehmer den Marathon unter 2h beendeten, scheint bei dem 275 EUR teuren Schlappen allerdings doch noch etwas Eigenleistung nötig.

 

Als erfahrene Läufer und Teilnehmer von zahlreichen Marathons wissen Volker und ich selbstverständlich um die Wichtigkeit und den Nutzen von einem geregelten Auslaufen, insbesondere nach deiner Marathonbelastung. Konsequenterweise sind wir uns dann einig noch ein letztes Bier zu holen und setzen uns dann in den nächsten Shuttlebus zum Parkhaus.

Apropos Konsequenz: Volker hat nach der diesjährigen Hitzeschlacht beim Ironman in Kraichgau im Zielbereich noch Stein und Bein geschworen, nie eine Langdistanz zu machen. Das Nie findet nun am 28.06.2020 in Frankfurt statt …….

Ergebnisse:

Volker:                       02:56:31h

Tobias:                      02:57:12h

Christian:                  03:02:15h

Lars-Kristoffer:         03:52:42h

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