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Jul

‚Good old British weather‘ beim Ironman UK 2017

Ein Bericht von Chriss Gassert, der am 16. Juli 2017 den Ironman UK / Bolton England gefinished hat:

Was stand früher in meinem English-Workbook? ‚British love facing the weather.‘ Naja, denen bleibt ja auch gar nichts anderes übrig. Nass, kalt und very british eben.

Ich war anfangs etwas skeptisch, als mir dieses Rennen empfohlen wurde, aber jetzt muss ich definitiv DANKE sagen. Ein absolut außergewöhnliches Event, das in Bolton (Nähe Manchester) und Umgebung stattfindet. Ich hatte es mir anspruchsvoll vorgestellt, meine Erwartungen wurden aber bei weitem übertroffen.

Der eigentliche Wettkampf begann Sonntag Morgen gleich mal mit dem ersten Aufreger beim Kontrollgang in die T1: der Reifen vorne war platt! Aber ich war mir ziemlich sicher, dass da nur am Ventil bzw. der Verlängerung etwas gelockert war. Ich hatte nämlich beim Check-In am Tag vorher eine blöde Leih-Pumpe erwischt, die sich nicht richtig am Ventil befestigen ließ und wegen dem Flug keine eigene dabei. Also alles nochmal feste zu gezogen, kontrolliert und ordentlich Druck drauf. Ein schneller Reifenwechsel im Dunkeln bei Dauerregen in der matschigen Wechselzone war mir zu unsicher. Später geht erst recht noch was schief.

Dann bin ich ins Hotel zurück. Und das war genial! Wir haben uns mit dem Hotel am Schwimmstart orientiert. Das war bei meiner letzten LD schon sehr angenehm und sollte diesmal noch besser werden. Vom Hotel waren es gerade mal 5min Fußweg zum Schwimmstart/T1. Das heißt: in Ruhe ein bisschen lockern, stretchen, Warm-Up, die eigene Toilette (!!!) und dann den Neo an. Danach ging es wieder zum Start, mit extra Schlauch und Werkzeug bewaffnet. Aber der Reifen sah gut aus. Aufgrund der Streckenverhältnisse und des Wetters bin ich mit etwas weniger Druck gefahren. Wie gesagt – Dauerregen schon die ganze Nacht hindurch.

Das Schwimmen fand im Pennigton Flash, einem künstlich angelegten Wasserreservoir und Naturschutz-/ Vogelbeobachtungsgebiet in Leigh statt. Schwimmen ist hier generell nicht erlaubt. Einzige Ausnahme: am WK-Wochenende zu festgelegten Zeiten. Der See war gar nicht so kalt, wie gedacht, da er scheinbar recht flach ist. Allerdings musste man mit etlichen Enten und Schwänen um die Ideallinie im Wasser kämpfen. Im Wettkampf hat es sich eigentlich schneller angefühlt als die gemessene eine Stunde. Aber wer weiß schon, wie genau das mit der Distanz wirklich war. Laut Strava haben die meisten knapp über 4km auf der Uhr stehen gehabt.

Der Landgang war aufgrund der örtlichen Beschaffenheiten etwas ungeschickt; ein schwimmendes, wackeliges Ponton mit glatter Kunststoffoberfläche als Ein- und Ausstieg, sowie die Wege dazwischen, die mit Plastikplatten statt mit Teppich ausgelegt waren, machten die ganze Sache sehr rutschig.Der Wechsel war auch anders als ich das normalerweise kenne. Laut der Helfer würde die komplette T1 am Sonntag Morgen auf Grund des Regens ein einziger Morast und überall Matsch sein. Daher wurde empfohlen, die Schuhe in den Wechselbeutel zu packen und schon im Wechselzelt, und nicht auf dem Rad anzuziehen. Sonst läuft man Gefahr, den ganzen Dreck mit in die Radschuhe zu nehmen. Allerdings musste diese Entscheidung schon am Samstag fallen, Sonntag war kein Zugang mehr zu den Wechselbeuteln gesattet. Naja, das sind die Locals, die müssen es wissen, dachte ich mir. Und sie haben es gewusst! Das war definitv die richtige Etscheidung, auch wenn es sehr seltsam war, mit den Radschuhen durch die Wechselzone zu eiern.

Thema Wechselbeutel: wie gesagt, die Engländer kennen ihr Wetter und sind drauf eingestellt! In T1 und T2 hängen die Beutel alle komplett im Wechselzelt. Sehr gut. Auch neu für mich war aber, dass man in T2 den Beutel danach selbst wieder zurück an das Gestell an seinen Platz hängen muss. Kein Drop-Off.

Das Auslegen der „Barfuß-Wege“ haben sie aber generell nicht so drauf. In T2 gab es gar nichts dergleichen; einen Asphaltparkplatz vor dem Stadion mit ordentlich viel Splitt drauf. Das tat teilweise höllisch weh. Und die Wege sind lang, da man sein Rad auch selbst am richigen Platz aufhängen muss. Auch wenn ich es nicht gebraucht habe, irritiert hat mich trotzdem, dass die Dixies in T2 VOR dem Wechselzelt waren – also mit Helm und Barfuss zu benutzen- statt danach.

Das Radfahren. Ja! Geiler Scheiß! (-Sorry-) Ein Kurs aus zwei Runden durch sehr welliges, ländliches Gelände, plus zusätzlich eine mehrere Kilometer lange einmalige Anfahrt, und Rückfahrt zum Macron Stadium außerhalb von Bolton. Landschaftlich wunderschön, rau und typisch britisch. Diese Radstrecke hat es in sich und erzwingt definitiv ein faires Rennen. Beim Strecken-Check mit dem Auto am Freitag hab ich aber oft überlegt, ob wir nicht irgendwo falsch abgebogen sind. Oder ob ich lieber das MTB hätte einpacken sollen. Es war zunächst schon etwas einschüchternd, dieses Gefühl ist aber ziemlich schnell umgeschlagen in: jetzt erst recht, das gibt ne Schlacht!

An einen Rhythmus war gar nicht zu denken. Mit meinen gesetzten Wattwerten tat ich mir schwer, ich lag entweder deutlich drüber, oder drunter. Ständiges Bremsen und wieder Anfahren, hoch und runter, eine uneinsehbare Kurve nach der nächsten, sehr grober, rauer Asphalt, gesalzen mit Schlaglöchern in denen man baden konnte und -schön ländlich eben- ziemlich viel Dreck und Schotter auf den nassen Straßen. Dummerweise hat es mir auch gleich noch auf der ersten Runde die Kette vom großen Blatt runtergehauen und sie klemmte sich in der integrierten Bremse unter dem Tretlager fest. Jackpot! Aber ich hatte mit Defekten gerechnet. Im „Kofferraum“ hatte ich diesmal soger extra zwei Ersatzschläuche dabei und bei dem vielen Schalten war auch das mit der Kette keine echte Überraschung. Somit war ich dann happy, dass es nur so ein kleines Problemchen war und ich ansonsten verschont blieb.

Als sich dann langsam eine realistische Durchschnittsgeschwindigkeit, bzw. Splitzeit herauskristallisiert hat, war ich geschockt. Ich hatte mir deutlich mehr gewünscht. Vielleicht auch einfach weil eine 5:32h auf dem Papier echt doof aussieht. Allerdings, beste Radzeit overall war nur knapp 4:50h! Wahnsinn!

Chriss beim Ironman UK/ Bolton England (Foto: Fabienne)

 

Probleme hatte ich aber ganz andere. Bei Nieselregen und ca. 10-12 Grad melde sich irgendwann „Natures Call“, wie man dort so schön sagt. Ich war sehr gut hydriert. Das war so ungefähr bei Km 55-60. Jetzt machen die Briten da aber so einen Aufriss mit ihrem Littering und Nudity, dass ich mich auf keinen Fall bei einem „wilden Boxenstopp“ erwischen lassen wollte. Generell bin ich auch niemand, der schnell muss oder nur weil er muss, gleich geht. Aber es hat eben so langsam angefangen zu drücken und ich habe angefangen zu überlegen, wie und wann. Am liebsten hätte ich einfach an einem ruhigen Fleck mal kurz angehalten. Aber so eine Gelegenheit gab es einfach nicht. Offenes Gelände und immer irgendwer in Sichtweite oder eben mitten durch die Dörfer, oder schwierige Abfahrten auf schmalen Wegen, wo der nachfolgende vermutlich voll in einem reinrasseln würde, wenn man am Strassenrand anhält. Bzw. dann doch gerade endlich mal so viel Speed drauf, dass Bremsen und Anhalten in der Seele weh getan hätte. Selbst Zuschauer an der Strecke haben erzählt, sie hätten nichts gefunden, wo sie mal kurz um die Ecke konnten.

Dummerweise zog sich das bis Km 140, macht also über 2:30h Pressure. Da ging dann fast nix mehr als endlich die Erlösung am Streckenrand stand. Vollbremsung vor einem Dixie an einer Verpflegungstelle. Gefühlte 5min und 2,5 Liter später ging es mir wieder gut. Inwiefern das meine Radleistung beeinträchtigt hat weiß ich nicht, aber die Konzentration hat es schon etwas geschmälert.Der Lauf war dann ein kleines Überaschungsei! Ich hatte nicht mit solchen Steigungen und Rampen, ja sogar einer kurzen Trailpassage(!!) gerechnet. Ich habe versucht, es locker angehen zu lassen, was mir subjektiv betrachtet auch recht gut gelang. Dann kam ich schnell in sowas ähnliches wie einen Rhythmus, auch wenn das hier wieder eine ganz spezielle Kiste war. Der 9km lange Zubringer, der von der T2 am Macron Stadium nach Bolton in die Stadt führt, war anspruchsvoll und nach 1,2km stand man gleich mal vor der ersten Wand.

Danach kamen sehr winkelige und schmale Wege durch Wald und über Schotter etc. Die 3,5 Runden in der Stadt waren dann immer gleich. Raus aus dem Zielbereich mit einer üblen Rampe, dann eine langezogene 3km Gerade mit gleichbleibender Steigung und Gegenwind, nach dem Scheitelpunkt 300m leichtes Gefälle, Verpflegunszone, Wendepunkt, die 300m zurück hoch und dann Vollgas runter in Richtung Ziel. Kurz davor aber auch nochmal eine verwinkelte Extraschleife mit einem deftigen Stich und wieder Wende. Das Runterknallen an den Rampen ging ordentlich auf die Knochen. Pünktlich zum Laufen kam dann endlich auch die Sonne raus und schaute zu und es wurde schön. Insgesamt war das Wetter aber gar kein Problem. Ich bin nur mit Einteiler gefahren und das war perfekt. Gelegentlich etwas kühl, weil halt alles nass war, aber wirklich kein Thema. Und falls ich doch gefroren haben sollte, dann war ich so konzentriert und beschäftigt, dass ich es gar nicht gemerkt habe.

Chriss (links) auf sonniger Laufstrecke (Foto: Fabienne)

Unterm Strich kann ich folgende Bilanz ziehen:

Schwimmen:     1:00:07h
Rad (2000hm):  5:32:21h
Lauf (400hm):  3:23:00h

Gesamt 10:03:25h

Das macht den 39. Gesamtplatz und 12. in der AK 30-34.

Damit bin ich sehr zufrieden. Natürlich hatte ich ursprünglich ein anderes Ziel im Auge und hätte gerne einen Fahrschein nach Kona gezogen, aber das war diesmal einfach nicht machbar. Aber es war auch mit Sicherheit nicht meine letzte Langdistanz. Da wird schon nochmal ein Angriff kommen.Ich bin froh und stolz, dass ich dieses Rennen gemacht habe und so souverän ins Ziel gebracht habe. Es war definitiv eine Reise wert und mal eine schöne Alternative um meinen Geburtstag zu feiern. Ich habe mir selbst einen unvergesslichen Tag geschenkt. Ein echtes Abenteuer. Besser als Kuchen!! Obwohl, den gab es danach trotzdem.

Kleiner Insider Tipp zum Hotel:
Auf Triathleten ausgelegt, mit WK-Frühstück ab 3:30Uhr, High-Carb Menü am Abend davor, Rad auf dem Zimmer war gar kein Thema, Aushänge und Infos über gesperrte Strassen am WK-Tag. Die offiziellen Shuttlebusse haben genau vor dem Hotel gehalten, um die Athleten aus Bolton am Start auszuladen.

Falls mal jemanden dort starten möchte, das Holiday Inn Express – Sports Village Leigh kann ich echt empfehlen!

Zusätzlich war aber ein Mietwagen nötig, da die T2 eine gute halbe Stunde Autofahrt eintfernt lag. Mit drei Supportern und ordentlich Gepäck – ich hatte für ausnahmslos alle Wetterverhältnisse gepackt- waren wir so einfach mobiler und flexibler. Zusätzlich ist es ein Muss, die Radstrecke vorher mal abzufahren.

Herzlichen Glückwunsch, Chriss für diese Leistung und für den tollen, ausführlichen Bericht!

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